Déjà Revue: Die wilden Zwanziger am AMG – Zugabe, bitte!

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Déjà Revue: Die wilden Zwanziger am AMG – Zugabe, bitte!

Ein Varieté zwischen Paris und Berlin: Mit Musik, Tanz und Literatur führt der Projektkurs „Lost Generation“ sein Publikum auf eine Reise durch die 1920er und frühen 1930er Jahre.

Noch bevor die Bühne von den Darbietenden eingenommen wird, hat der Abend längst begonnen. Hostessen, Federboas und Zigarettenspitzen prägen das Bild, während das Swing-Trio in Glitzerwesten und Spectators seine Klänge ins Atrium trägt. Es entsteht eine Atmosphäre, die eine Einladung zur Verwandlung ist. Das Publikum wird Teil dieses Bildes, die Kostüme der 20er-Jahre greifen in den Raum über, und das AMG löst sich für die kommenden zwei Stunden aus der Gegenwart.

Und dann heißt es „Come to the Cabaret!“ Mit der ersten Nummer ist das Motto des Abends gesetzt. In Abwesenheit von Liza Minnelli übernimmt Marlene die Bühne, am Klavier begleitet von Magali. Sally Bowles’ Hymne auf das kurze, intensive Leben wird zum Auftakt einer Revue, die sich mutig zwischen Glanz und Groteske, Leichtigkeit und Melancholie bewegt. Die beiden Siebtklässlerinnen eröffnen den Abend in jenem Geist, der das Varieté einst auszeichnete: verspielt, überraschend und angenehm unberechenbar.

Von da an reiht sich – rhythmisch austariert – Nummer an Nummer. Das Publikum sitzt an weiß gedeckten Tischen, zu viert oder fünft gruppiert, und blickt auf eine Bühne, die sich bereits in eine andere Zeit verwandelt hat. Draußen warten Nachrichten, Termine und Handy-Displays. Drinnen zählen nur Musik, Geschichten und Applaus.

Frau Schäffler eröffnet den tänzerischen Teil des Abends mit einem ausdrucksstarken Stepptanz zu Irvin Berlins „Puttin‘ on the Ritz“. Ihr Auftritt setzt den Ton für die folgende Mischung aus Eleganz und ironischer Überzeichnung, und bringt damit das Savoir-vivre der Goldenen Zwanziger auf die Bühne.

Zu den originellsten Beiträgen des Abends zählt ein Charleston-Duett von Dana und Nova (Q1). Statt auf der Bühne erscheint die Darbietung als Filmsequenz, die mit flackernden Bildern und kleinen Rucklern den Charme des frühen Kinos heraufbeschwört. Eine Aufnahme, die direkt aus den 1920er Jahren in die Aula gelangt zu sein scheint, und für Begeisterung im Publikum sorgt.

Paulina und Freya (6b) bringen im weiteren Verlauf des Abends mit ihrer Stepptanznummer zu Gene Kellys „Singin’ in the Rain“ weiteren Rhythmus auf die Bühne. Und Christina, Asya und Rosanna (Q1) feiern Sally Bowles’ „Mein Herr“ zum Abschluss des Varieté-Abends mit so viel Verve, dass die Zuschauer mit Ovationen antworten.

Neben den schwungvollen Nummern gibt es auch stillere Momente. Einen davon schafft Janne (EF), begleitet von Nardaneh (Q1), mit „La vie en rose“. Englisch und Französisch wechseln sich ab und geben dem bekannten Chanson eine eigene Note.

Literarisch wird es, als Eleonore und Frieda (Q1) eine Szene aus Ernest Hemingways A Moveable Feast auf die Bühne bringen. In dem Streitgespräch mit Gertrude Stein geht es um die legendäre „Lost Generation“ – doch statt literaturwissenschaftlicher Vorlesung bieten die beiden ein lebendiges Theater.

Auch die Lyrik der Epoche erhält ihren Platz. Mit Jakob van Hoddis’ „Weltende“ und Dorothy Parkers bitter-ironischem „Résumé“ klingen nachdenklichere Töne an. Die ironisch unterlegte Weltuntergangsstimmung und der schwarze Humor machen deutlich, dass die Goldenen Zwanziger sowohl vom Glanz der Varietés und Tanzpaläste geprägt waren als auch von den Brüchen und Unsicherheiten ihrer Zeit.

Die Lehrkräfte mischen sich immer wieder unter die jungen Künstlerinnen und Künstler des Abends. Frau Anslinger interpretiert Gershwins „The Man I Love“, begleitet von Herrn Burger am Klavier – zumindest teilweise im Frack. Mit der berühmten Ballade von der Sehnsucht nach der erhofften großen Liebe bringt sie für einige Minuten einen Hauch nostalgischer Romantik in das Varieté-Programm. Herr Klisch und Frau Klein zeigen mit der „Zuhälter-Ballade“ und dem „Lied von der Unzulänglichkeit“ aus Brechts Dreigroschenoper, wie elegant sich das Verruchte mit dem Nachdenklichen verbinden lässt. Für einen Augenblick scheint das Publikum gemeinsam zu staunen.

Kurz vor dem Finale gehört die Bühne Frau Freudenstein. Mit Joe Dassins „Champs-Élysées“ nimmt sie das Publikum noch einmal mit auf einen musikalischen Spaziergang durch Paris. Die Antwort aus dem Saal: lang anhaltender, tosender Applaus.

Durch den Abend führen die mehrsprachigen Conférencières Sonja und Dana sowie das zweite Moderationsduo Johanna und Lotta. Sie verbinden die einzelnen Nummern mit Charme und Witz zu einem harmonischen Ganzen. Für den musikalischen Rahmen sorgen Herr Krautkrämer, Herr Vladcil und Herr Faymonville, die die musikalischen Darbietungen begleiten und auch die Pause im Atrium klangvoll untermalen.

Ein gutes Varieté endet nicht mit dem Schlussapplaus. Es begleitet seine Gäste nach Hause, sitzt noch mit im Auto oder in der Bahn und meldet sich am nächsten Morgen noch einmal zurück. So dürfte es vielen Gästen an diesem Abend ergangen sein.

Der Projektkurs von Frau Freudenstein hat eine ebenso vielseitige wie unterhaltsame Mischung aus Musik, Tanz und Literatur auf die Bühne gebracht. Dahinter stehen Kreativität, Organisationstalent, Mut und die Bereitschaft, Zeit und Energie in etwas zu investieren, dessen Erfolg nie garantiert ist.

Ob das Varieté am AMG eine feste Größe wird, liegt auch an den Freiräumen, die ihm ermöglicht werden. Doch vor allem lebt es von Menschen, die bereit sind, andere zu begeistern und selbst den Schritt auf die Bühne zu wagen.

Und deshalb bleibt am Ende eigentlich nur ein Wunsch: Zugabe, bitte!

Detlef Klein

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