Lost Louis oder Der verschwundene Filmstar – Eine Reportage von Henry Heinrich

Vor einer Woche titelte eine große deutsche Tageszeitung: „$cheinchen Schule Sonnenschein-Star Louis Ludwig abgetaucht“.  Der Schauspieler hinterließ auf seiner Instagram-Seite nur folgende Nachricht: „Leute, ich bin weg, mir geht’s gut, aber lasst mich in Ruhe!“ Eine Stunde später war die Seite gelöscht, drei Millionen Follower müssen nun ohne ihren Helden auskommen. Seitdem fragt sich das ganze Land, was Louis Ludwig zu diesem radikalen Schritt getrieben hat … wurde ihm der Kult um seine Person zu viel? Wieso wirft ein junger aufstrebender Star seine Karriere weg, obwohl man in der Branche gemunkelt hatte, er würde in Fack ju Göhte 4 den verschollenen Sohn von Elyas M’Barek spielen? Dieser Frage möchte ich auf den Grund gehen. Ich will wissen, welcher Mensch wirklich hinter dem Teenie-Idol steckt. Meine Spurensuche beginnt in Bensberg, einem Stadtteil, der gerne ein Vorort von Köln wäre, tatsächlich aber in der Heidi-Klum-Heimatstadt Bergisch Gladbach liegt. Hier begann Louis Ludwigs Karriere im Filmkurs des Albertus-Magnus-Gymnasiums (AMG). Ich habe mir für meine Recherche ein Zimmer im Schloss Bensberg gebucht. Von dem auf einem Hügel liegenden Hotel kann ich sowohl Louis’ Elternhaus als auch das AMG sehen. Schwerer Nebel liegt wie die Last eines zu frühen Ruhms auf der Schule, als ich mich morgens auf den Weg mache und die Schloßstraße hinunter gehe.

Ich gehe am berühmten Schloßgrill vorbei. Vor zwei Monaten war Louis in der Talkshow von Markus Lanz und auf die Frage, was das prägendste Ereignis seines Lebens war, sagte er Folgendes: „Also bei uns oben in Bensberg gibt es einen Imbiss, Schloßgrill, jedoch hatten die auf einmal Paprika im Dönerfleisch und Paprika mag ich nicht, dann bin ich woanders hingegangen. Mittlerweile aber gehe ich wieder dahin, weil die jetzt wieder normales Fleisch haben.“ Der Moderator wurde selten von der Antwort eines Gastes so aus der Fassung gebracht. Eigentlich sollte ich nun Schülersprecher Torben Krauß zum Interview treffen, der Louis aus dem Filmkurs und Deutsch-Leistungskurs kennt. Doch dann erreicht mich, als ich gerade die Treppen zum Haupteingang hinaufsteige, eine SMS: „Ich muss leider absagen, bin spontan zum Mittagessen mit Christian Lindner nach Berlin eingeladen, es geht um seine Nachfolge an der FDP-Spitze. Mein Flieger geht in zwei Stunden.“ Das würde aber als schulisches Fehlen zählen, betont Torben noch.

Ich stehe im Atrium, so nennt man hier das Foyer, und blicke auf die zahlreichen eingerahmten Plakate früherer Theater-Aufführungen an der Wand. Mittendrin entdecke ich das Plakat von $cheinchen Schule Sonnenschein, dem Film, der Louis Ludwig später zum Verhängnis werden sollte. Ich bin aufgeschmissen. Auf Torben Krauß’ Kontakten wollte ich meine gesamte Recherche aufbauen. Ich schaue mich etwas verloren um. Einige Schülerinnen bereiten gerade einen Flammkuchen-Verkauf vor. Doch bevor ich resigniert und planlos durch Bensberg streifen muss, spricht mich eine von ihnen an. „Sind Sie der Journalist, der was über Louis Ludwig wissen wollte? Der Torben hat mir gerade geschrieben, dass ich mich um Sie kümmern soll, ich bin Julia Schwelm.“ In der Mensa, die bis 13:15 Uhr offiziell Cafeteria heißt, obwohl kein Schüler sie jemals so genannt hat, finden wir einen Ort für ein erstes Gespräch.  „Ich bin ja eine Stufe unter Louis, aber ich kenne ihn ganz gut“, sagt Julia. Sie redet weiter, ohne, dass ich überhaupt eine Frage gestellt hätte: „Der Hype ging ja erst richtig los, als die DVD veröffentlicht wurde. Jemand hat den Film dann bei Youtube geleaked. Der Lehrer vom Filmkurs, Herr Rohde, war ganz schnell hinterher, dass der wieder gelöscht wird, aber dann hat ein berühmter Rapper, Rin, – kennen Sie den?  Der hat rote Haare – naja, auf jeden Fall hat der den Film in seiner Insta-Story erwähnt und den Louis richtig für seine Performance gefeiert, so fing alles an.“ „Ja, gut, Julia, diese Geschichte kennt ganz Deutschland … Ich will aber wissen, wer Louis wirklich ist, wie er war, bevor der Hype losging!“ „Es tut mir leid, aber ich muss jetzt in der Pause Flammkuchen verkaufen und hab danach Unterricht. Ich schicke Ihnen Herr Rohde her, aber nach der sechsten Stunde führe ich Sie ein bisschen rum“, sagt Julia und verlässt die „Cafeteria“. In dem Moment, in dem sie Herr statt Herrn sagt, zucke ich kurz zusammen. Das liegt aber daran, dass mein Deutschlehrer mir früher bestimmt alle drei Wochen erklärt hat, wann man Herr und wann man Herrn sagt, das hat sich eingeprägt. Ich hole mir einen Kaffee. Er schmeckt besser als jeder Kaffee, den ich jemals in Italien oder Wien getrunken habe, er ist besonders stark und gar nicht wässrig.

Herr Rohde kommt herein. Er hält eine Tasche in der Hand, die so aussieht, wie man sich eine typische Lehrertasche vorstellt. Er ist noch jung, hat allerdings schon einige graue Haare, vielleicht durch den Stress nach Louis’ Verschwinden. „Vor dem großen Hype war alles in Ordnung, unser Verhältnis war sehr gut. Er war ja auch in meinem Deutsch-LK. Auf unserer Kursfahrt nach Prag haben wir jeden Abend zusammen Busfahrer gespielt. Daraus ist eine richtige Tradition entstanden. Immer freitags in der Einzelstunde mit einer Runde Busfahrer aufs Wochenende einstimmen. Aber ich fühle mich auch schuldig. Ich hätte wissen müssen, dass Louis zu sensibel für diesen Medienrummel ist. Ich habe oft scherzhaft über den ‚Filmstar Louis Ludwig’ gesprochen, sodass schon einige Mitschüler genervt waren. Louis war das unangenehm, das hätte ein Warnsignal sein müssen. Aber als dann GZSZ anrief, nachdem dieser Rapper mit roten Haaren Louis berühmt gemacht hatte, war der Reiz des Ruhms dann doch zu verlockend.“ Der Lehrer ist emotional aufgewühlt, eine Träne läuft an seiner Wange herunter: „Ich hätte ihn besser schützen müssen und nicht so viel über seine Karrierechancen reden sollen … ich hätte auch nicht so oft darüber reden sollen, dass er viele weibliche Fans Ende zwanzig hat, er wusste oft nicht, wie er damit umgehen soll. Sorry, das wird mir jetzt alles zu viel, muss los“.

Als ich mich nach Unterrichtsschluss mit Julia treffe und wir an einer Blumenwiese vorbeigehen, meine ich Louis für einen kurzen Moment zu sehen, doch ich bilde es mir nur ein. Julia erzählt davon, wie ordentlich Louis ist: „Vor seinem Gartenhäuschen steht ein Abfalleimer extra für Alkoholflaschen, Ordnung muss sein!“ Wir schlendern durch Bensberg. Sie bittet mich noch darum, einen Appell an Louis richten zu dürfen: „Louis, bitte komm zurück, ohne dich ist die Krankenhauswiese im Sommer wie Schach ohne Würfel, wir brauchen dich!“ Am Nachmittag esse ich einen Döner im Schloßgrill. Überall hängen Louis-Ludwig-Fotos und -Plakate, man ist hier sehr stolz auf seinen berühmten Gast. Nachdem ich die Tageseindrücke in meinem Zimmer im Schloss niedergeschrieben habe, gehe ich noch in die Stadt. Auf meine Frage, wo man denn in Bensberg abends gut etwas trinken gehen könnte, sagte mir Julia: „Es gibt hier zahlreiche Bars, Lounges und Clubs. Bensberg ist berühmt für sein pulsierendes Nachtleben, aber mein persönlicher Tipp ist das Irish Pub, da war Louis auch oft.“

Im Pub angekommen bestelle ich mir erstmal ein mexikanisches Bier und denke über den Tag nach. Ich führe viele Gespräche mit Menschen, die meinen, Louis zu kennen, aber das sind oft nur Erfolgsfreunde. Sie kennen ihn nicht wirklich. Spät in der Nacht und nach einem vollen Deckel, als ich schon daran zweifle, ob ich den wahren Louis überhaupt in Bensberg finden kann und mich die Barkeeperin zum dritten Mal auffordert zu zahlen, passiert etwas Sonderbares. Unter dem Billardtisch knarrt es. Ich stehe auf und hocke mich hin. Eine Luke öffnet sich und Louis Ludwig steigt heraus. Ich kann es kaum fassen. „Ich musste mich etwas zurückziehen und mal zur Ruhe zu kommen. Ich wollte Faust II lesen, weil wir das im Unterricht ja nicht gelesen haben. Aber dabei habe ich gemerkt, dass ich endlich dazu stehen muss, wer ich wirklich bin. Ich bin Filmstar Louis Ludwig.“

 

 

 

 

Da war die Welt noch in Ordnung: Louis und sein Lehrer Herr Rohde auf der Kursfahrt in Prag.